Neben den Kreisel-Kräften spielt die Geometrie des Motorrads eine entscheidende Rolle für das Fahrverhalten. Zwei Begriffe tauchen in diesem Zusammenhang immer wieder auf: der Lenkkopfwinkel und der Nachlauf (englisch: Trail). Beide hängen zusammen und bestimmen maßgeblich, wie sich ein Motorrad lenken lässt und wie stabil es geradeaus läuft.
Lenkkopfwinkel
Der Lenkkopfwinkel beschreibt die Neigung der Gabel zur Senkrechten. Ein steiler Lenkkopfwinkel (näher an 90 Grad) macht das Motorrad agil und wendig, ein flacher Winkel (weiter von 90 Grad entfernt) macht es stabiler aber träger. Bei Sportmotorrädern liegt der Lenkkopfwinkel typischerweise bei 23-25 Grad, bei Choppern kann er 35 Grad oder mehr betragen.
Warum ist das so? Ein steilerer Winkel bedeutet, dass das Vorderrad näher unter dem Fahrer liegt und die Hebelwirkung beim Lenken geringer ist. Das Motorrad reagiert schneller auf Lenkbewegungen. Ein flacherer Winkel streckt das Motorrad und erhöht den Radstand, was zu mehr Geradeauslaufstabilität führt, aber auch mehr Kraft beim Einlenken erfordert.
Was ist der Nachlauf?
Der Nachlauf ist der Abstand zwischen dem Punkt, an dem die verlängerte Lenkachse den Boden trifft, und dem tatsächlichen Aufstandspunkt des Reifens. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich ganz anschaulich: Stellt euch vor, ihr zieht eine Linie durch die Gabel bis zum Boden. Diese Linie trifft den Boden vor dem Punkt, an dem der Reifen tatsächlich aufliegt. Der Abstand zwischen diesen beiden Punkten ist der Nachlauf.
Der Nachlauf sorgt dafür, dass das Vorderrad wie ein Einkaufswagen-Rad hinter der Lenkachse hergezogen wird. Dadurch richtet sich das Rad bei Geradeausfahrt von selbst aus und das Motorrad stabilisiert sich. Je größer der Nachlauf, desto stabiler läuft das Motorrad geradeaus, aber desto mehr Kraft braucht man zum Einlenken.
Pro-Tipp: Der Nachlauf ändert sich beim Einfedern der Gabel. Wenn die Gabel eintaucht (z.B. beim Bremsen), wird der Lenkkopfwinkel steiler und der Nachlauf verringert sich. Das ist der Grund, warum das Motorrad beim Bremsen agiler wird und leichter einlenkt. Diesen Effekt nutzt man beim Trail-Braking, wo man mit leichtem Bremsdruck in die Kurve hineinfährt.
Praktische Auswirkungen
Was bedeutet das alles für die Praxis? Im Wesentlichen drei Dinge:
1. Unterschiedliche Motorradtypen: Ein Supersportler mit steilem Lenkkopfwinkel und geringem Nachlauf lässt sich blitzschnell in die Kurve werfen, braucht aber einen aufmerksamen Fahrer der ständig korrigiert. Ein Tourer oder Chopper mit flachem Winkel und großem Nachlauf läuft wie auf Schienen geradeaus, erfordert aber mehr Aufwand in den Kurven.
2. Fahrwerkseinstellungen: Wer die Gabelvorspannung erhöht oder die Gabel im Gabelholm nach oben schiebt, verändert die Geometrie. Das Motorrad wird agiler, aber auch nervöser. Umgekehrt macht eine tiefere Gabelposition das Motorrad stabiler aber träger.
3. Bremsverhalten: Beim harten Bremsen taucht die Gabel ein und der Nachlauf verringert sich. Das Motorrad wird lenkbarer, was gewollt ist, weil man direkt nach dem Bremsen in die Kurve einlenken will. Lässt man die Bremse los, federt die Gabel aus, der Nachlauf vergrößert sich und das Motorrad stabilisiert sich für die Kurvenfahrt.
Geometrie und Fahrstil
Die Lenkgeometrie ist einer der Gründe, warum unterschiedliche Motorräder sich so unterschiedlich fahren. Ein Supersportler und ein Cruiser können beide 150 PS haben, aber das Fahrgefühl ist grundverschieden. Das liegt nicht nur am Gewicht oder an der Sitzposition, sondern maßgeblich an Lenkkopfwinkel und Nachlauf.
Für die Rennstrecke sind agile Motorräder mit steilem Lenkkopfwinkel und geringem Nachlauf von Vorteil. Für lange Autobahnfahrten ist ein stabileres Setup mit mehr Nachlauf angenehmer. Die Hersteller wählen die Geometrie passend zum Einsatzzweck des Motorrads, und wer das versteht, kann auch besser einschätzen, welches Motorrad zu seinem Fahrstil passt.
Siehe auch:
- Kreisel – Wie die Kreiselkräfte das Motorrad stabilisieren
- Federung – Wie das Fahrwerk die Geometrie beeinflusst
- Lenktechnik – Wie man den Lenkimpuls richtig setzt