Mon, 15 Jan. 2024 Thomas Bendler ~ 5 min to read

Die Elektronik hat in den letzten Jahren einen Siegeszug durch die Motorradwelt angetreten. Was früher nur in der MotoGP zu finden war, ist heute selbst in Einsteigermotorrädern Standard. ABS, Traktionskontrolle, Fahrmodi, Quickshifter und vieles mehr sollen das Fahren sicherer und komfortabler machen. Aber was steckt eigentlich hinter den ganzen Abkürzungen und elektronischen Helferlein?

ABS (Antiblockiersystem)

Das ABS verhindert, dass die Räder beim Bremsen blockieren. Sensoren an den Rädern messen die Drehzahl und vergleichen sie mit der Fahrzeuggeschwindigkeit. Droht ein Rad zu blockieren, reduziert das System den Bremsdruck kurzzeitig und baut ihn dann wieder auf. Das passiert mehrmals pro Sekunde und ist als leichtes Pulsieren am Bremshebel spürbar.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Ein blockierendes Vorderrad führt fast immer zum Sturz, ein blockierendes Hinterrad lässt das Motorrad ausbrechen. Mit ABS kann man auch in Paniksituationen voll in die Bremse greifen ohne das Risiko eines Blockierers. Studien zeigen, dass ABS die Unfallrate bei Motorrädern signifikant senkt.

Auf der Rennstrecke ist ABS allerdings nicht immer erwünscht. Profis wollen selbst entscheiden, wann und wie stark die Räder verzögern. Deshalb lässt sich das ABS bei vielen Sportmotorrädern abschalten oder zumindest in einen weniger eingreifenden Modus versetzen.

Pro-Tipp: Selbst wenn ihr ABS habt, solltet ihr das Bremsen ohne ABS-Eingriff üben. Das System ist eine Notfall-Reserve, kein Ersatz für saubere Bremstechnik. Wer regelmäßig das ABS auslöst, bremst zu spät oder zu hart.

Traktionskontrolle (TC/TCS/ASR)

Die Traktionskontrolle verhindert, dass das Hinterrad beim Beschleunigen durchdreht. Auch hier vergleichen Sensoren die Drehzahlen von Vorder- und Hinterrad. Dreht das Hinterrad schneller als es sollte (Schlupf), reduziert das System die Motorleistung bis die Traktion wiederhergestellt ist.

Je nach System geschieht das durch Zündungseingriffe, Drosselklappensteuerung oder eine Kombination aus beidem. Moderne Systeme sind so fein abgestimmt, dass der Fahrer den Eingriff kaum bemerkt. Weniger ausgefeilte Systeme können das Motorrad ruckartig abbremsen, was ebenfalls unangenehm ist.

Für Einsteiger ist die Traktionskontrolle ein Segen. Sie verhindert Highsider, bei denen das Hinterrad zuerst wegrutscht und dann schlagartig wieder greift, was den Fahrer wie ein Katapult vom Motorrad wirft. Für Fortgeschrittene kann sie aber auch störend sein, weil sie kontrolliertes Driften oder aggressive Beschleunigung verhindert.

Fahrmodi

Viele moderne Motorräder bieten verschiedene Fahrmodi, die mehrere Parameter gleichzeitig anpassen. Ein typisches Setup könnte so aussehen:

  • Rain: Gedrosselte Leistung, sanfte Gasannahme, aggressive TC
  • Street: Volle Leistung, normale Gasannahme, moderate TC
  • Sport: Volle Leistung, direkte Gasannahme, zurückhaltende TC
  • Race/Track: Volle Leistung, schärfste Gasannahme, minimale oder keine TC

Die Fahrmodi sind praktisch, weil man mit einem Knopfdruck das gesamte Verhalten des Motorrads anpassen kann. Bei Regen oder auf unbekannter Strecke wählt man einen sanfteren Modus, auf der Rennstrecke schaltet man alles scharf.

Quickshifter

Der Quickshifter ermöglicht das Hochschalten ohne Kupplung und ohne Gas wegzunehmen. Ein Sensor am Schalthebel erkennt den Schaltvorgang und unterbricht kurzzeitig die Zündung. In dieser kurzen Lastunterbrechung rastet der nächste Gang ein. Das Ganze dauert Millisekunden und ermöglicht nahtloses Beschleunigen.

Moderne Systeme bieten auch einen Blipper für das Herunterschalten. Hier gibt die Elektronik beim Herunterschalten kurz Zwischengas, um die Drehzahlen anzugleichen. Das verhindert Lastwechselreaktionen und macht das Herunterschalten butterweich.

Pro-Tipp: Ein Quickshifter ist ein nettes Spielzeug, aber kein Muss. Wer sauber schalten kann, ist nur unwesentlich langsamer. Der größte Vorteil liegt im Komfort und darin, dass man beim Beschleunigen nicht den Rhythmus unterbrechen muss.

Kurven-ABS und Schräglage-Sensorik

Die neueste Generation von Sicherheitssystemen berücksichtigt auch die Schräglage des Motorrads. Dazu wird ein IMU (Inertial Measurement Unit) verbaut, ein Sensor der die Lage des Motorrads im Raum misst. Das Kurven-ABS passt den Bremsdruck an die Schräglage an. Je mehr Schräglage, desto weniger Bremskraft ist verfügbar, bevor das Rad blockiert.

Das ist ein echter Sicherheitsgewinn, denn viele Stürze passieren beim Bremsen in Schräglage. Mit Kurven-ABS kann man auch in der Kurve bremsen, ohne dass das Motorrad sofort wegrutscht. Natürlich gibt es auch hier Grenzen, die Physik lässt sich nicht überlisten. Aber die Grenzen liegen deutlich höher als ohne das System.

Elektronik auf der Rennstrecke

Auf der Rennstrecke stellt sich die Frage: Elektronik an oder aus? Die Antwort hängt vom Fahrkönnen ab. Für Einsteiger und Fortgeschrittene ist es sinnvoll, zumindest ABS und TC aktiviert zu lassen. Die Systeme fangen Fehler ab und geben Sicherheit.

Wer schneller werden will und bereits am Limit fährt, wird irgendwann feststellen, dass die Elektronik eingreift, obwohl man noch Reserven hätte. Dann ist es Zeit, die Systeme zu deaktivieren oder in einen weniger eingreifenden Modus zu versetzen. Aber Vorsicht: Ohne elektronisches Sicherheitsnetz verzeiht das Motorrad keine Fehler mehr.


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