Der Schwerpunkt eines Motorrads ist der Punkt, an dem man sich die gesamte Masse konzentriert vorstellen kann. Wo dieser Punkt liegt und wie er sich beim Fahren verändert, hat einen enormen Einfluss auf das Fahrverhalten. Wer den Schwerpunkt versteht, versteht auch, warum bestimmte Fahrtechniken funktionieren und andere nicht.
Wo liegt der Schwerpunkt?
Bei einem typischen Sportmotorrad liegt der Schwerpunkt etwa auf Höhe des Motors, leicht vor der Mitte zwischen den beiden Rädern. Die genaue Position hängt von der Bauweise ab. Schwere Bauteile wie Motor, Tank und Getriebe bestimmen maßgeblich, wo der Schwerpunkt liegt. Bei einem vollgetankten Motorrad liegt er höher und weiter vorne als bei leerem Tank.
Auch der Fahrer beeinflusst den Schwerpunkt erheblich. Ein 80 kg schwerer Fahrer auf einem 200 kg schweren Motorrad macht fast ein Drittel der Gesamtmasse aus. Wo der Fahrer sitzt und wie er sich bewegt, verschiebt den Gesamtschwerpunkt des Systems Fahrer-Motorrad entsprechend.
Schwerpunkt und Schräglage
In der Kurve muss der Schwerpunkt nach innen verlagert werden, damit die Fliehkraft und die Schwerkraft im Gleichgewicht sind. Je schneller die Kurve gefahren wird, desto weiter muss der Schwerpunkt nach innen wandern, was mehr Schräglage bedeutet.
Hier kommt der Fahrer ins Spiel. Verlagert der Fahrer seinen Körper zur Kurveninnenseite (Hanging-Off), verschiebt er den Gesamtschwerpunkt nach innen. Das bedeutet, dass das Motorrad selbst weniger Schräglage braucht um dieselbe Kurve mit derselben Geschwindigkeit zu fahren. Weniger Schräglage bedeutet mehr Reserve beim Reifen, also mehr Sicherheit oder alternativ die Möglichkeit, noch schneller zu fahren.
Pro-Tipp: Das ist der eigentliche Grund, warum Rennfahrer so extrem am Motorrad hängen. Es sieht nicht nur spektakulär aus, es hat einen handfesten physikalischen Nutzen. Allerdings bringt Hanging-Off nur etwas, wenn man auch wirklich schnell fährt. Im normalen Straßenverkehr ist der Effekt minimal und man macht sich eher zum Affen.
Gewichtsverteilung
Neben der Höhe des Schwerpunkts spielt auch die Verteilung des Gewichts auf Vorder- und Hinterrad eine Rolle. Bei den meisten Motorrädern liegt die Gewichtsverteilung bei etwa 50:50 oder leicht hecklastig. Bei Sportmotorrädern ist sie oft etwas frontlastiger, was das Einlenken erleichtert.
Beim Beschleunigen verlagert sich das Gewicht nach hinten, beim Bremsen nach vorne. Das ist der Grund, warum beim harten Bremsen fast die gesamte Bremskraft über das Vorderrad aufgebracht wird, während beim Beschleunigen das Hinterrad die Arbeit macht. Extreme Beschleunigung führt zum Wheelie, extreme Verzögerung zum Stoppie.
Dynamische Gewichtsverlagerung
Während der Fahrt ist der Schwerpunkt ständig in Bewegung. Beim Bremsen wandert er nach vorne und unten, die Gabel taucht ein. Beim Beschleunigen wandert er nach hinten und oben, die Gabel streckt sich. In der Kurve wandert er zur Seite.
Ein guter Fahrer nutzt diese Dynamik bewusst. Durch aktive Gewichtsverlagerung kann man das Motorrad schneller einlenken, stabiler durch die Kurve führen oder sauberer beschleunigen. Das erfordert Übung und ein Gefühl dafür, was das Motorrad gerade macht.
Praktische Anwendung
Was bedeutet das alles konkret?
Kurvenfahrt: Wer seinen Oberkörper zur Kurveninnenseite verlagert, braucht weniger Schräglage. Das funktioniert auch im Straßenverkehr und gibt mehr Sicherheitsreserve in der Kurve.
Bremsen: Beim Bremsen das Gewicht bewusst nach hinten verlagern (Knie am Tank, Oberkörper leicht aufrichten) entlastet das Vorderrad etwas und verhindert ein Überschlagen.
Anfahren am Berg: Das Gewicht nach vorne verlagern verhindert, dass das Vorderrad hochkommt.
Langsames Rangieren: Einen niedrigen Schwerpunkt nutzen, indem man die Füße unten lässt und das Motorrad nicht zu weit neigt.
Schwerpunkt und Motorradwahl
Die Lage des Schwerpunkts ist auch ein Kriterium bei der Motorradwahl. Motorräder mit tiefem Schwerpunkt (z.B. Boxer-Motoren) lassen sich leichter rangieren und fühlen sich leichter an als sie sind. Motorräder mit hohem Schwerpunkt (z.B. Enduros) kippen schneller, sind dafür aber wendiger.
Wer ein Motorrad Probe fährt, sollte darauf achten, wie es sich beim langsamen Rangieren anfühlt. Das gibt einen guten Eindruck davon, wo der Schwerpunkt liegt und ob man damit klarkommt.
Siehe auch:
- Kammscher Kreis – Die Grenzen der Haftung verstehen
- Körperhaltung – Wie man den Körper richtig einsetzt
- Schräglage – Die psychologische Seite der Kurvenfahrt